Prost!

Trotz guter Vorsätze: Auch 2023 wird Alkohol ein Thema bleiben. Immerhin eines, über das man auf Deutsch sehr differenziert sprechen kann.


Es ist Januar: Gute Vorsätze für das neue Jahr sind gefasst und die ersten auch schon wieder gebrochen worden. Weil es hier um Sprache gehen soll, könnte ich euch nun erklären, wie man im Deutschen über die Zukunft spricht: Man kann das Hilfsverb werden benutzen. Oder auch nicht. „Ich werde im Januar keinen Alkohol trinken.“ Oder: „Ich trinke im Januar keinen Alkohol.“ Geht beides.

Ein Glas Wein auf den Dry January

Okay, blöder Beispielsatz. Vielleicht lieber: Ich werde heute Abend ein Glas Rotwein trinken. Vielleicht trinke ich dann noch ein zweites. Ein Glas mit Hilfsverb, eines ohne. Und weil aller guten Dinge drei sind, trinke ich dann noch ein drittes – auf den Dry January, den kürzesten Monat des Jahres! Nach dem dritten Glas kann ich nicht mehr zählen und glaube, es sei erst das zweite, also trinke ich noch ein Glas – auf meine Oma, die mir beibrachte: „Der größte Feind des Menschen wohl, / Das ist und bleibt der Alkohol. / Doch in der Bibel steht geschrieben: / ‚Du sollst auch deine Feinde lieben!‘“

Motive zum Alkoholkonsum beschreiben

Die Deutschen lieben den größten Feind des Menschen das ganze Jahr über. Friedrich von Bodenstedt dichtete: „Im Winter trink‘ ich und singe Lieder / Aus Freude, dass der Frühling nah ist. / Und kommt der Frühling, sing‘ ich wieder – / Aus Freude, dass er endlich da ist!“ Man könnte sagen: Der Dichter glüht im Winter schon mal vor. Das Verb „vorglühen“ stammt eigentlich aus der Technik: Wenn es kalt ist, müssen Dieselmotoren vor dem Start vorglühen, also heiß werden. Wenn ihr zum „Vorglühen“ eingeladen werdet, ist damit aber etwas anderes gemeint: eine Art alkoholisches Warmup vor einer langen Nacht. Bevor man ausgeht, trinkt man gemeinsam etwas, um in Stimmung zu kommen – oder auch, um später im Club Geld zu sparen.

Vor allem im Winter wird nicht nur aus Freude getrunken, denn nicht nur der Frühling ist da, sondern auch die Stromrechnung – kann man sie sich schöntrinken? Sich etwas schönzutrinken bedeutet, dass man so viel trinkt, bis man etwas eigentlich sehr Unschönes, dank Alkohol am Ende doch irgendwie schön findet. Funktioniert leider nicht oft. Auch der Versuch, Sorgen in Alkohol zu ertränken, bleibt meistens erfolglos – die Misere wird nur immer größer, genau wie die Leber. Trotzdem gibt es ein eigenes Wort für Trinken aus Ärger, Enttäuschung, Depression: Frustsaufen.

Trinken und betrunken sein

Dass in deutschsprachigen Ländern viel getrunken wird – gern auch zu viel –, zeigt sich an den vielen verschiedenen umgangssprachlichen Ausdrücken für diese Tätigkeit: sich einen auf die Lampe gießen, zu tief ins Glas schauen, einen über den Durst trinken oder sich die Kante geben. Wer nur ein bisschen zu tief ins Glas geschaut hat, ist angeheitert oder beschwipst, wer schon unterm Tisch liegt, ist hackedicht, sternhagelvoll, sturzbesoffen oder – etwas eleganter ausgedrückt – volltrunken. Eine freundliche Formulierung für einen (leichten bis mittleren) Rausch: einen im Tee haben. Wahrscheinlich kommt diese Redewendung von der norddeutschen Tradition, Tee mit Rum zu trinken.

Moment, was schreibe ich hier eigentlich für Sachen? Ich bin doch völlig nüchtern und wollte einen ganz seriösen Beitrag darüber verfassen, wie man wie man im Deutschen über die Zukunft spricht. Na ja, mit oder ohne „werden“, mehr gibt es dazu eigentlich nicht zu sagen. Prost!

 

Morgen, Kinder, wird’s was geben

Zwei Weihnachtstexte für den Deutschunterricht: ein Original und seine Parodie. Kann man beide mögen?

 

 

Vorfreude in kindlicher Weihnachtswunderwelt

„Morgen, Kinder, wird’s was geben“ – als kleiner Junge habe ich dieses Weihnachtslied geliebt. Heute höre ich es mit Deutschkursen ab B2-Niveau und werde jedes Mal sentimental. Ja, die Vorfreude auf den Heiligen Abend war das Schönste in der kindlichen Weihnachtswunderwelt. Spätestens am ersten Dezember sang ich: „Einmal werden wir noch wach, heißa, dann ist Weihnachtstag!“ – obwohl wir in Wirklichkeit noch 23 Mal wach würden, bevor Weihnachten war.

Eigentlich will ich im Deutschunterricht nicht sentimental werden. Habe ich das Lied mit meinen Kursen zu Ende gehört, doziere ich deshalb sehr akademisch über seinen kulturhistorischen Hintergrund.

Ein Lied für Wohlhabende

Mit „Morgen, Kinder, wird’s was geben“ feiert das Bürgertum des 19. Jahrhunderts weniger die Geburt Jesu Christi als sich selbst. Die Weihnachtsfreuden, um die es geht, sind nicht religiöser, sondern materieller Natur. In dem Lied erinnern sich Kinder daran, was ihr letztes Weihnachtsfest besonders gemacht hat. Konkret heißt das: Sie erinnern sich an die Geschenke, die sie bekommen haben. Zwei Strophen lang machen sie Inventur. Es geht um Kleider und Puppenherde für die Mädchen und Jagdspielzeug für die Jungen – Dinge, mit denen wohlhabende Familien ihre Kinder auf ihre späteren sozialen Rollen vorbereiteten. Der Dank für die Geschenke gilt den Eltern: „Oh, gewiss, wer sich nicht ehrt, / ist der ganzen Lust nicht wert!“ Kein Christkind, keine Engel, dafür Eltern, die man ehren muss. Moral statt Fiktion.

 

„Weihnachtslied, chemisch gereinigt“

1927 schrieb der Schriftsteller Erich Kästner eine großartige Parodie auf das Lied: „Weihnachtslied, chemisch gereinigt“. Die Grundidee des Originaltextes nimmt er ernst: Das Wichtigste an Weihnacht

en sind Waren. Die Kinder, die Kästners Parodie adressiert, gehören aber nicht zum Bürgertum. Sie sind von jedem Reichtum ausgeschlossen – und damit auch von dem, was Weihnachten im Kapitalismus ausmacht: „Morgen, Kinder, wird’s nichts geben, / Nur wer hat, kriegt noch geschenkt.“

Nun könnte man erwarten, dass es warmherzig weitergeht. Ist Weihnachten nicht das Fest der Liebe? Sollten wir vielleicht ein Benefizkonzert veranstalten, bei dem reiche Leute etwas für die Armen spenden und sich dabei sehr generös fühlen? Nicht im chemisch gereinigten Weihnachtslied! Der Ton ist so zynisch wie die Wirklichkeit: Wie in „Morgen, Kinder, wird’s was geben“ werden exklusive materielle Freuden beschrieben – immer aber mit dem Hinweis, dass die Kinder nicht an ihnen teilhaben werden. Ihnen wird erklärt, dass das nicht so schlimm sei: dass sie zufrieden sein sollten, am Leben zu sein, dass Reiche Armut gern hätten, dass sie vernünftig sein und teure Dinge gar nicht verlangen sollten, dass sie Geduld haben und aus ihrer Misere für’s Leben lernen sollten – ohne, dass klar würde, was genau sie da lernen sollen. Eine ironische Aufforderung zur Passivität.

Trotz allem: Frohe Weihnachten und einen guten Rutsch!

Mit meinen Deutschkursen ab B2-Niveau lese ich immer beides: „Morgen, Kinder, wird’s was geben“ und „Weihnachtslied, chemisch gereinigt“. Kann man beides mögen – das sentimentale Kinderlied und seine sozialkritische Parodie? Eigentlich nicht. Trotzdem pfeife ich in der Adventszeit oft „Morgen, Kinder, wird’s was geben“. Manchmal denke ich dann an die kindliche Vorfreude auf das große Fest – und manchmal daran, dass diese Vorfreude ein Privileg ist, das keines sein dürfte.

Ziemlich anstrengend, dieser Widerspruch. Deshalb freue ich mich nach den Unterrichtsstunden zu den beiden Texten auf meine A1-Kurse. Dort lernen wir: „Frohe Weihachten und einen guten Rutsch ins neue Jahr!“ Das wünschen wir vom All-on-Board-Team auch euch.

Wie süß, ein Diminutiv

Wenn ich von einer Reise zurückkehre, habe ich immer das Gefühl: Berlin mag mich nicht mehr. Alle wirken irgendwie kalt und unhöflich. Nach ein paar Stunden fällt mir ein, dass die Leute in Berlin ja immer so sind, dann ist wieder alles gut.

Ende August war ich ein paar Tage in Wien. Auch Wien gilt als nicht besonders höflich, und die Wiener, so sagt man, meckern genauso gern wie die Berliner. Der „Wiener Schmäh“ klingt aber viel weicher als der Berliner Dialekt. Wienerisch, das ist Deutsch mit Schokoladensauce. Ein Grund dafür sind die vielen Diminutive.

Der Diminutiv in verschiedenen Dialekten

Der Diminutiv kennzeichnet Personen oder Dinge als klein. In Wien ist eigentlich alles klein. Jedenfalls könnte man das denken, wenn man im Restaurant sitzt und den Wienern zuhört. Als Vorspeise bestellen sie ein „Supperl“, zum Schnitzel gibt’s ein „Glaserl“ Wein oder Bier und zum Nachtisch genießt man ein „Stückerl“ Torte. Die Portionen in Wien sind übrigens riesig! Der Diminutiv drückt hier eher Sympathie aus. Alles mit -erl am Ende findet der Sprecher oder die Sprecherin nett.

So vielfältig die Diminutive der deutschen Sprache sind, alle werden durch ein Suffix definiert. In der Schweiz ist -li beliebt, in Schwaben -le, in Norddeutschland -ken – allerdings ist man in Norddeutschland eher sparsam mit dem Diminutiv.

Immer im Neutrum

Im Standarddeutschen lauten die Diminutiv-Endungen -chen oder (seltener) -lein. Das Praktische am Diminutiv ist, dass er immer im Neutrum steht – egal, welches Genus das Nomen sonst hat. Wenn man mal wieder nicht den richtigen Artikel eines Nomens weiß, kann also der Diminutiv helfen: Ist es nun der, die oder das Tisch? Egal, wenn der Tisch nicht zu groß ist, macht man einfach ein „Tischchen“ draus. Ist es der, die oder das Hund? Egal, wenn es nicht gerade ein Bernhardiner ist, nennen wir ihn Hündchen.

Vorsicht, Vokalwechsel!

Beim Hündchen müssen wir nur aufpassen, dass wir an den Vokalwechsel denken, sonst macht uns das Tier doch noch Ärger: A, o und u werden zu ä, ö und ü. Der Schatz wird zum Schätzchen (und damit noch ein bisschen süßer!), das Boot zum Bötchen (Vorsicht, aus zwei o‘s wird nur ein ö!) und der Hund wird eben zum Hündchen – das würde ich mir von dem Pitbull unseres Nachbarn wirklich manchmal wünschen…

Warum das Mädchen im Neutrum steht

Manche Wörter stehen formal immer im Diminutiv – die sogenannten „verselbstständigten“ Diminutive wie zum Beispiel Brötchen. Ein Brötchen nicht einfach ein kleines Brot, sondern eben ein Brötchen (je nach Region auch als Schrippe, Wecke oder Semmel bekannt). Hier hat sich ein Diminutiv als eigenes Wort etabliert.

Ein verselbstständigter Diminutiv, an den sich viele Lernende nur schwer gewöhnen können, ist das Mädchen. Warum bitte steht ausgerechnet das Mädchen im Neutrum und nicht im Femininum? Die Antwort liegt in der Geschichte des Wortes: „Mädchen“ leitet sich ab von „Maid“. Maid hat man früher junge Frauen genannt. Das Mädchen ist also eine kleine junge Frau, eben noch ein Kind. Während die „Maid“ aus der Sprache verschwunden ist, sorgt das Mädchen bis heute für Konfusion. Aber wir wollen nicht ungerecht sein: Nicht das Mädchen ist schuld an seinem Genus, sondern der Diminutiv.

Gender Trouble

 

 

Liebe Leser,

Liebe Leserinnen,

Liebe Leserinnen und Leser,

Liebe Leser/innen,

Liebe LeserInnen

Liebe Leser*innen,

Liebe Leser_innen,

Liebe Leser:innen,

Liebe Lesende!

Sicher habt ihr an den verschiedenen Anreden schon erkannt, worum es geht: Ums Gendern. Oder eben ums Nicht-Gendern, wie in der ersten Option: Liebe Leser. Natürlich sind mit den „lieben Lesern“ auch die Leserinnen gemeint. Oder ist das gar nicht so natürlich? Als die Schweiz 1971 das Wahlrecht für Frauen einführte, wurde auch der Verfassungstext geändert, um klarzustellen, dass es darin nicht nur um Schweizer Männer geht. Im Grundgesetz, der Verfassung der Bundesrepublik Deutschland, ist eine „Bundeskanzlerin“ auch nach 16 Jahren Angela Merkel nicht vorgesehen – obwohl die Gleichberechtigung von Männern und Frauen in Artikel 3 garantiert wird. Ist diese Garantie genug? Muss man Gesetzestexte wirklich gendern – und damit noch komplizierter machen?

Eine linguistische Frage – und eine politische

Eine kontroverse Frage. Die ZEIT bekam jedenfalls wütende Leserbriefen, nachdem sie 2021 einen Appell mit dem Titel „Gendert das Grundgesetz“ veröffentlicht hatte. 2020 wurde ein Gesetzesentwurf im generischen Femininum verfasst – und musste umgeschrieben werden. Die Kritik: Wenn nur die weibliche Form benutzt wird, gilt das Gesetz nur für Frauen. Nun steht im Text das generische Maskulinum und gilt für alle – auch für die, die nicht explizit genannt werden, also alle, die keine Männer sind.

Gendern oder nicht? Das ist keine rein linguistische Frage, sondern auch eine politische. Viele Konservative hassen das Gendersternchen („Leser*innen“), das geschlechtliche Identitäten zwischen oder jenseits von Mann und Frau repräsentiert. CDU-Vorsitzender Friedrich Merz findet: In öffentlich finanzierten Medien hat es nichts zu suchen. Journalist*innen, pardon: Journalisten (oder, in Gottes Namen, Journalistinnen und Journalisten) sollten sich an die „allgemein anerkannten Regeln in der Nutzung der deutschen Sprache halten“, erklärte er vor ein paar Wochen auf dem CDU-Parteitag in Hannover.

Sternchen und Partizipien – ein Skandal?

A propos Hannover: Was die „allgemein anerkannten Regeln in der Nutzung der deutschen Sprache“ sieht die dortige Stadtverwaltung anders als Friedrich Merz. 2019 hat sie ein Papier entwickelt, das ihren Mitarbeitenden eine genderneutrale Sprache sie empfiehlt, wie zum Beispiel Partizipialformen sie ermöglichen: „Mitarbeitende“ statt „Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter“. Auch das Gendersternchen soll für mehr Gerechtigkeit sorgen.

Ein Skandal, findet der Verein Deutsche Sprache. „Schluss mit dem Gender-Unfug“, forderte er in einer Petition, die viele prominente Unterstützer (und nicht ganz so viele prominente Unterstützerinnen) fand. Wahrscheinlich haben viele von ihnen ein ästhetisches Problem mit dem Gendern – jedenfalls ist in der Petition von „lächerlichen Sprachgebilden“ die Rede, die Frauen am Ende doch nicht helfen würden.

Gender – im Deutschen immer präsent

Ob die weibliche Endung Frauen hilft oder nicht – das generische Maskulinum führt zu ihrer mentalen Unterrepräsentation. Lesen wir „Ärzte“, stellen wir uns Männer in weißen Kitteln vor. Bei „Ärztinnen und Ärzten“ entsteht ein Bild, in dem auch Frauen präsent sind. Der Schriftsteller Navid Kermani bedauert in einem ZEIT-Artikel, dass er auf Deutsch nicht über Personen schreiben kann, ohne indirekt ihr Geschlecht zum Thema zu machen. Im Plural kann das Partizip für Gender-Neutralität sorgen: „Liebe Lesende“ lässt offen, ob ihr männlich, weiblich oder divers seid. Spreche ich dich jedoch nicht als Teil einer Gruppe an, sondern ganz persönlich, dann, liebe*r Leser*in (oder sollte ich schreiben: liebe Leserin, lieber Leser?), dann nützt auch das Partizip nichts.

Wenn es ums Gendern geht, ist also nicht immer klar, was die „allgemein anerkannten Regeln in der Nutzung der deutschen Sprache“ sind. Wie er oder sie präzise, unkompliziert und gerecht spricht, entscheidet am Ende jeder, jede, jede*r (…) individuell.

Sommerwetter– manchmal April, manchmal Sahara

Irgendwie fühlt sich der Berliner Sommer dieses Jahr so an wie der April. Im Homeoffice sitze ich in Badehose, wenn ich dann ins Schwimmbad gehe, beginnt es zu regnen. Im Freiluftkino habe ich dieses Jahr schon kalten Aperol getrunken, an anderen Tagen wäre mir heißer Glühwein lieber gewesen. Seit Wochen haben wir ein richtiges Aprilwetter – ein wechselhaftes, unbeständiges Wetter.

Manchmal fühlt sich der Berliner Sommer leider eher wie die Sahara an als wie der April – wenn sich während einer Hitzewelle die Straßen aufheizen und einfach nicht abkühlen wollen. Die Sonne brennt, man schwitzt und hofft auf ein bisschen Wind, wenigstens eine leichte Brise. Die Hoffnung stirbt zuletzt, sagt man. Aber sie stirbt. Die Hoffnung auf Wind jedenfalls überlebt nicht lange, wenn sich in den Häuserschluchten Berlins die Hitze staut. Wer eine Abkühlung braucht, muss ins Freibad gehen – oder an einen der vielen Badeseen.

„Pack die Badehose ein“

Da wäre zum Beispiel der Wannsee im Südwesten Berlins. Badespaß am Wannsee – darum geht es in dem berühmten Berliner Schlager „Pack die Badehose ein“ aus dem Jahr 1951, gesungen von der damals siebenjährigen Tochter des Komponisten. Als echte „Berliner Göre“ – also als ein typisches Kind der Stadt – wurde sie zu einem der ersten Kinderstars der Bundesrepublik Deutschland.

Populär wurde das Lied auch in Ostberlin – allerdings in einer etwas anderen Version, denn der Wannsee lag im Westen. Im Original heißt es: „Pack die Badehose ein, / nimm dein kleines Schwesterlein / und dann nischt wie raus nach Wannsee.“ In der DDR wurde daraus: „und dann nischt wie raus ins Strandbad.“

Das war die nette Version. Es gab auch eine bitterböse Parodie. Sie entstand, nachdem ein kleines Mädchen im Strandbad Wannsee angeschossen worden war, weil amerikanische Soldaten den nahen Grunewald für militärische Übungen nutzten: „Schließ die Badehose ein, / lass das Baden lieber sein, / denn der Ami schießt am Wannsee.“

Die Jahreszeit des Schlagers

Bis heute ist der Sommer eine Jahreszeit für Schlager. Die klassische Poesie hat er wenig inspiriert. Viele deutsche Dichterinnen und Dichter haben zarte Verse über den Frühling und den Herbst geschrieben. Den Sommer haben sie den Schlagersängern überlassen.

Im März fällt mir manchmal Eduard Mörickes „Er ist’s“ ein. Im September denke ich an Rainer Maria Rilkes „Herbsttag“. Im Juli habe ich dieses Jahr das Lied „Layla“ von DJ Robin & Schürze kennengelernt. Es beschreibt die erotischen Qualitäten einer Bordellbetreiberin. Dass es auf manchen Stadtfesten nicht gespielt werden sollte, löste eine sehr emotionale Debatte über Sexismus und Kunstfreiheit aus. Bei manchen Debattenbeiträgen fragte ich mich, ob die Debattierenden die Hitze nicht vertragen hatten…

Ich hoffe, dass euch weder Aprilwetter noch Hitze zusetzen. Vielleicht motiviert euch der Berliner Sommer ja sogar, euren Wortschatz rund ums Wetter zu erweitern, um über die „Bullenhitze“ schimpfen oder eure Freude über ein „laues Lüftchen“ ausdrücken zu können. Und damit Schluss für heute – ich brauche dringend eine Abkühlung. Hoffentlich fängt es im Schwimmbad nicht wieder an zu regnen…

 

Queer und selbstbewusst – nicht nur im Pride Month

Es ist Juni , wir sind in Berlin – da bräuchten wir einen Blog-Post zum Pride Month, fanden meine Kolleginnen. Pride Month? Musste ich erst mal googeln. Ich fand heraus: Der Juni ist der Monat queeren Selbstbewusstseins. Oh, da bin ich spät dran mit meinem Blogpost! Dabei finde ich queeres Selbstbewusstsein natürlich super. Nur feiere ich es auf der CSD-Parade, und die ist in Berlin erst im Juli…

Die Geschichte von Pride Month und Christopher Street Day

Irgendwie ist der Begriff „Pride Month“ bisher nicht so richtig in Deutschland angekommen. Er erinnert an den Mut – die Courage – der Gäste einer queeren Bar in New York. Am 28. Juni 1969 protestierten sie gegen eine Polizei-Razzia und begannen damit einen leidenschaftlichen Kampf für Gleichberechtigung – laut, wütend und stolz. Stolz darauf, so zu sein, wie sie waren.

Auch in Deutschland erinnert die LGBTIQ*-Community an die Ereignisse in jener Bar, dem Stonewall’s Inn in der Christopher Street. Über 60 Paraden gibt es diesen Sommer zum Christopher Street Day. Nur mit dem Monat nehmen es die Deutschen nicht so genau, obwohl sie doch sonst für ihre Pünktlichkeit bekannt sind. In Berlin findet der CSD am 23. Juli statt, in vielen Städten noch später. In Herleshausen lässt man sich bis November Zeit.

Sprache und Emanzipation

Ob wir es im Pride Month, im Juli oder erst im November feiern – zu queerem Selbstbewusstsein gehört eine selbstbewusste Sprache. In den 1970er Jahren nannten sich manche schwule Aktivistenpervers“. Das war nicht einfach Ironie, sondern Arbeit an der Sprache. Aus einem Stigma sollte ein provokantes Statement gegen die konservative Sexualmoral der Mehrheitsgesellschaft werden. Trotzdem blieb das Wort negativ konnotiert.

Anders das Wort „schwul“, das männliche Homosexualität beschreibt. Es kommt von „schwül“. Schwül, also warm und feucht, war es früher in den verbotenen Bars, in denen Schwule sich heimlich trafen. Vielleicht wurden mit „schwül“ auch die Beziehungen der „warmen Brüder“, also homosexueller Männer, zu ihren Geliebten metaphorisch charakterisiert, weil sie das Gegenteil von kalt und gleichgültig waren.

Lange wurde „schwul“ nur in der Umgangssprache benutzt, oft abwertend. Heute hat es auch in der Standardsprache seinen Platz. Und in der Jugendsprache – dort aber als Attribut für Peinliches oder Unattraktives. Ist das nun ein kreatives Spiel mit Bedeutungen oder einfach Homophobie?

Vielfalt, die inspiriert

Eine Alternative zu „schwul“ ist inzwischen der Anglizismus „gay“. Sein Vorteil: Er ist inklusiver, weil er auch lesbische Liebe beschreibt. Überhaupt: Die LGBTIQ*-Szene ist so vielfältig, dass es manchmal eine Herausforderung ist, die richtigen Worte zu finden. Es geht schließlich nicht nur um sexuelle Orientierungen wie lesbisch, schwul und bisexuell, sondern auch um Geschlechtsidentitäten wie trans, inter oder nonbinär.

Wie inspirierend diese Vielfalt sein kann, zeigt der Film „Desire will set you free“ (2015) von Yoni Leyser. Er stilisiert Berlin zu einer Art queerem El Dorado  – und macht klar: Unter dem Regenbogen, dem farbenfrohen Symbol der LGBTIQ*-Community, ist Platz für viele. Nicht nur im Pride Month.

 

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Ist Denglisch cringe?

Believe it or not, zum Jugendwort des Jahres 2021 wurde cringe gevotet. Stranger Move von der Jury, oder? Ich meine, sorry, aber cringe ist doch kein deutsches Wort. Crazy shit: Anglizismen crashen unser good old German!

Sprachpuristen fühlen sich ziemlich lost inmitten all der englischen Wörter, die Einzug in unseren Alltag gehalten haben. Dabei ist der Einfluss des Englischen keineswegs neu: Der Begriff Denglisch ist bereits seit 1965 in Umlauf. Was weder “reines” Deutsch noch “reines” Englisch ist, wird (meist abwertend) als “Denglisch” bezeichnet.

Sprachpurismus

Das Ideal sprachlicher “Reinheit” geht auf das 17. Jahrhundert zurück – genau wie das Wort “Reinheit”, für das man zuvor den lateinischen Begriff „puritas“ benutzte. 1619 gründete sich den “Fruchtbringende Gesellschaft”, die Deutsch als Sprache des Volkes stärken und von Fremdwörtern befreien wollte. Damals waren es nicht englische, sondern lateinische und französische Einflüsse, welche die Sprachpuristen in Rage – nein: in “Wut” – brachten. Ihnen hielten sie deutsche Äquivalente – Verzeihung, ich meine natürlich: “Entsprechungen” – entgegen, von denen sich manche bis heute behauptet haben, zum Beispiel der “Augenblick” für “Moment”.

Die Fruchtbringende Gesellschaft fand zahlreiche Nachfolger – etwa die 1815 gegründete Berlinische Gesellschaft für deutsche Sprache, die vor allem den Gallizismen, also dem Französischen entlehnten Wörtern, den Kampf angesagt hatte. Friedrich II hatte zu Hofe noch stets auf Französisch Konversation getrieben und betrachtete Deutsch als “barbarischen Jargon, gerade noch geeignet, um mit seinen Pferden zu sprechen”. Für die deutschen Nationalisten des 19. Jahrhunderts war Französisch die Sprache des Feindes. Nachdem Napoleon das Heilige Römische Reich Deutscher Nation zerschlagen hatte, sollte zumindest auf sprachlicher Ebene etwas wie eine deutsche Nation wiederauferstehen – ohne den Ballast des verhassten Nachbarlandes.

Fremdwörter als Bedrohung?

Als die Nation 1871 dann obrigkeitsstaatliche Wirklichkeit wurde, verschwand der Sprachpurismus jedoch keineswegs. 1885 gründete sich der Allgemeine Deutsche Sprachverein, der gegen Fremdwörter kämpfte. Unter den Nationalsozialisten verstand er sich gar als “SA unserer Muttersprache”, wie es in der Vereinszeitschrift hieß. Fremdwörter gehörten aber zur nationalsozialistischen Propaganda dazu, schließlich klangen sie imposant. Die Begeisterung des Allgemeinen Deutschen Sprachvereins für das NS-Regime stieß daher keineswegs auf Gegenliebe.

Heute ist es der Verein Deutsche Sprache, der sich um “Sprachpflege” bemüht – was konkret heißt, dass er Anglizismen bekämpft. Er hat einen gewaltigen Anglizismen-Index erstellt, in dem auch deutsche Alternativen zu der auf der Homepage, nein: der Netzseite des Vereins beklagten “Unzahl unnötiger und unschöner englischer Ausdrücke” geführt werden.

Anglizismen als Bereicherung?

Ob englische Wörter im Deutschen wirklich unnötig und unschön sind, darüber lässt sich natürlich streiten. Die Initiative “Anglizismus des Jahres” ehrt jedes Jahr einen neuen Anglizismus. Welche Anglizismen sich wann etablieren, so die Überzeugung der Jury, verrät einiges darüber, was Politik und Gesellschaft beschäftigt – der Anglizismus des Jahres 2021 ist boostern, nachdem es 2020 das Wort “Lockdown” war.

Sind Anglizismen also keine Gefahr, sondern eine Bereicherung für die deutsche Sprache? Klar ist: Aus unserem Alltag sind sie nicht mehr wegzudenken. Eine gute Nachricht für alle, die Deutsch lernen – denn viele Anglizismen haben sich längst auch in anderen Sprachen etabliert.

Und im internationalen Berlin gilt sowieso: Englische Wörter sind nicht cringe, sondern fancy!

Not sure whether sprinkling your German with English words is clever or cringe in a certain situation? Or would you just like to improve your German? Either way, All on Board can help! Get in touch to find out more about courses www.allonboard.de   

 

Kiezpatriotismus und ein Wegbier vom Späti

Neuer Wortschatz für Zugezogene

Die Metropole Berlin ist bevölkert von Smalltown Boys und Smalltown Girls. Die Urberliner, die schon immer hier wohnen, nennen sie die Zugezogenen. Auch so ein Wort, das man als Zugezogener erst einmal lernen muss. Als wäre es nicht schon schwierig genug, wenn man neu in der Stadt ist…

Es beginnt schon, wenn man ein Brötchen kaufen will – pardon, eine Schrippe! Oder gar einen dieser speziellen Donuts, die überall in Deutschland Berliner heißen – außer in Berlin, wo man sie Pfannkuchen nennt.

Spezifisch berlinerisch ist auch der Späti – oder etwas formeller: Spätkauf. Kleine Geschäfte, in denen man Getränke, Snacks und Zigaretten kaufen kann, heißen in anderen Regionen Bude oder Kiosk. Dass man sie in Berlin Späti nennt, liegt wohl daran, dass sie hier auch nach 22 Uhr noch geöffnet haben. Wer will, kann bekommt im Späti auch mitten in der Nacht noch ein Wegbier.

 

 

Berlin und seine Kieze

Und dann gibt es da noch das Wort Kiez, ein umgangssprachliches Synonym für Stadtteil oder Viertel. Während das Wort Bezirk eine städtische Verwaltungseinheit beschreibt, hat Kiez etwas mit Heimat zu tun. Wenn ich Bezirk höre, denke ich ans Bürgeramt. Wenn ich Kiez höre, denke ich an den Späti in meinem Haus. Oder an den Dönerimbiss gegenüber. Oder an die Eckkneipe nebenan, eine dieser etwas versifften, verrauchten Bars, wo die Urberliner vor ihrem Bier sitzen und ab und zu ein paar Hipster vorbeikommen, weil sich das so schön authentisch anfühlt. In meinem Bezirk bin ich gemeldet – in meinem Kiez bin ich zu Hause.

Ob Urberliner oder Zugezogene – viele Menschen, die in Berlin wohnen, feiern ihre Kieze: So groß die Metropole, so vertraut der eigene Kiez. Die Geschichte der einzelnen Kieze begünstigt die Identifikation mit ihnen. Manche waren früher eigene Städte wie Charlottenburg oder Spandau, andere haben bestimmte Gruppen besonders angezogen – so hat sich etwa Schöneberg schon in den 1920er Jahren als Zentrum der europäischen LGBTI-Szene etabliert, in Kreuzberg fanden die ersten Arbeitsmigranten aus der Türkei ein (damals nicht sehr komfortables, aber auch nicht sehr teures) Zuhause.

Kiezpatriotismus

Viele Kieze haben neben einem offiziellen auch einen inoffiziellen Namen: Aus Kreuzberg wird X-Berg, aus Prenzlauer Berg Prenzelberg, aus Friedrichshain F-Hain. Ein Freund aus Moabit hat einen Sticker am Kühlschrank kleben: „Moabit ist beste!“ Ziemlich cool.

Der coolste Kiez ist aber natürlich immer der eigene. All on Board liegt im Wedding und ich habe das Glück, in der Nachbarschaft zu wohnen. Der Wedding hat ein eigenes Prime Time Theater, in dem Berliner Lokalpatriotismus im Comedy-Format zelebriert wird. Auch literarisch hat der coolste Kiez Berlins eine Menge zu bieten – zum Beispiel die „Brauseboys“, die in satirischen Texten vom Alltag im Wedding erzählen. Zuhören kann man ihnen donnerstags in der Kulturfabrik bei einer der vielen Berliner Lesebühnen.

Bevor ich es mit dem Lokalpatriotismus übertreibe, mache ich Schluss für heute und gehe nach Hause. Soll ich mir vorher vielleicht noch ein Wegbier beim Späti holen?

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Frohe Weihnachten!

„Großer Gott, wir loben dich“ – dies war eines der Lieder, mit denen sich Angela Merkel mit militärischem Zeremoniell aus dem Amt als Bundeskanzlerin verabschieden ließ. Man könnte nun darüber diskutieren, ob man einen Choral einer Militärkapelle überantworten sollte. Oder darüber, ob ein religiöses Lied in einem mehr oder weniger säkularen Staat überhaupt das Richtige für die Verabschiedung einer Regierungschefin ist. Das könnten ziemlich kontroverse Diskussionen werden…

Christliche Konfessionen in Deutschland

Dabei hat Angela Merkel das Lied „Großer Gott, wir loben dich“ sicherlich nicht ausgesucht, um zu spalten, sondern um zu verbinden. „Großer Gott, wir loben dich“ ist nämlich, wie die Journalistin Anja Maier in der Wochenzeitung DIE ZEIT bemerkt, ein „ökumenischer Gassenhauer für alle Lebenslagen“ – ein Lied also, dass sowohl bei Katholiken als auch bei Protestanten beliebt ist. Ursprünglich wurde es nur in der katholischen Kirche gesungen, im 19. Jahrhundert übernahmen es auch protestantische Gemeinden.

Obwohl Religion im Alltag vieler Menschen in Deutschland keine wichtige Rolle spielt, sind die Unterschiede zwischen den beiden großen Konfessionen bis heute bemerkbar. Zum Beispiel gibt es katholische und evangelische Schulen und Kindergärten, und auch an öffentlichen Schulen findet der Religionsunterricht in manchen Bundesländern nach Konfessionen getrennt statt.

Katholische und evangelische Weihnachtstraditionen

Jetzt, in der Weihnachtszeit, vermischen sich katholische und evangelische Traditionen. Der Nikolaus zum Beispiel kommt auch zu evangelischen Kindern – obwohl Martin Luther vom Kult um Heilige gar nichts hielt. Den Nikolaus wollte er durch das „Christkind“ ersetzen, das am Heiligabend die Geschenke brachte. Heute teilt sich das Christkind diese Aufgabe mit dem Weihnachtsmann – in evangelisch ebenso wie in katholisch geprägten Regionen.

Auch viele Weihnachtslieder sind an keine Konfession gebunden. Manche aber sind es doch. Zum Beispiel „Heiligste Nacht“. Dieses Lied wünschte sich meine evangelisch getaufte Großmutter immer zu Weihnachten – allerdings nicht für sich selbst, sondern für meine katholischen Großeltern, die Heiligabend bei ihr zu Gast waren. „Heiligste Nacht“ hat es irgendwie nie in evangelische Messen geschafft – auf den Weihnachtsfeiern unserer Familie durfte es dagegen nicht fehlen, denn die katholischen Gäste sollten sich willkommen fühlen. Heute wirkt eine solche Geste antiquiert, und vielleicht war sie es auch damals schon. Für die Generation meiner Großeltern jedoch waren Konfessionen keinesfalls eine Banalität – und so war auch die Sache mit dem katholischen Weihnachtslied nicht banal.

Freche Parodien

Genug des Pathos – Weihnachtslieder laden schließlich nicht nur zu Betrachtungen über die im Glauben oder eben auch nur im Gesang vereinte Christenheit ein, sondern auch zu frechen Parodien. Da wäre zum Beispiel der Klassiker „Oh Tannenbaum“, in dem es eigentlich um die Schönheit eines Tannenbaums geht. Alternativ singt man aber auch gern: „Oh Tannenbaum, oh Tannenbaum, / Die Oma liegt im Kofferraum. / Der Opa macht den Deckel zu, / Nun hat er endlich seine Ruh‘.“

Mein Opa hatte Weihnachten keine Ruh‘, denn spätestens nach dem zweiten Likör sang meine Oma eine Parodie des eigentlich sehr feierlichen Weihnachtsliedes „Am Weihnachtsbaume die Lichter brennen“. „Am Weihnachtsbaume, da hängt ‘ne Pflaume, / Wer hat die Pflaume drangehängt? / Das war mein Bruder, das dumme Luder, / Der hat die Pflaume drangehängt.“ So sang meine katholische Großmutter. Und ob katholisch, evangelisch oder atheistisch – wir alle hatten unseren Spaß daran.

Wie auch immer ihr die Weihnachtstage verbringt – wir wünschen euch eine erholsame Zeit und einen guten Rutsch ins neue Jahr!

Herbstlicher Laubregen von Komposita

Poesie oder Wortmonster? Meine Bekannten sind gar nicht glücklich über das Ende des Sommers: Vorbei die Zeit der Picknicks, der Grillpartys, der Nachmittage am See – nur noch allgemeines Absterben. Aber hat nicht gerade die Melancholie des Herbstes ihren Zauber? Keine andere Jahreszeit hat deutschsprachige Dichterinnen und Dichter mehr inspiriert. Und kommt man nicht selbst in poetische Stimmung, wenn man im goldenen Oktober spazieren geht? Die dunkelvioletten Astern, die purpurroten Blätter, der zartblaue Himmel – ach!

Na gut, das waren jetzt eher Klischees als Poesie. Doch auch in den Klischees zeigt sich ein Charakteristikum der deutschen Sprache: Man kann mit ihr Neues kreieren, indem man verschiedene Wörter zu einem verbindet. Mark Twain hat sich in seinem Essay „Die schreckliche deutsche Sprache“ über die Wortmonster lustig gemacht, die dabei entstehen können: „Manche deutschen Wörter sind so lang, dass man sie nur aus der Ferne ganz sehen kann“, kommentiert er die deutsche Begeisterung für Komposita.

Fugenelemente: Deutsch lernen, um die Wortmonster zu erschlagen

Eigentlich haben Komposita eine sprachökonomische Funktion. „Purpurrote Ahornblätter“ geht schneller als „Blätter, die so rot wie Purpur sind“. Trotzdem fragte sich 1999 wohl manche Zeitungsleserin, ob in der Redaktion die Leerzeichentaste klemmte, als über die Verabschiedung des „Rindfleischetikettierungsüberwachungsaufgabenübertragungsgesetzes“ berichtet wurde. 2013 wurde das Gesetz abgeschafft. Sprachwissenschaftlerinnen und Sprachwissenschaftlern bereitet es aber immer noch Freude.

Im Gegensatz zu anderen Komposita besteht das Wort „Rindfleischetikettierungsüberwachungsaufgabenübertragungsgesetz“ ausschließlich aus Substantiven, von denen manche mit, andere ohne Fugenelement verbunden wurden. Fugenelemente sind so etwas wie der Klebstoff zwischen zwei Wörtern. Im Wort „Fugenelement“ werden zum Beispiel die Wörter „Fuge“ und „Element“ mit einem kleinen -n- aneinandergeklebt. Im „Rindfleischetikettierungsüberwachungsaufgabenübertragungsgesetz“ finden wir als Fugenelement dreimal das kleine -s-, das man nach -ung und -ion einsetzt. Es gibt ziemlich viele Fugenelemente. Im bietet dazu sprachgeschichtliche Erklärungen an – trotzdem weiß man manchmal nicht, welches man gerade braucht. Die gute Nachricht ist: Meistens braucht man gar keins.

Wenn man etwa ein Verb und ein Substantiv zusammenfügt, wie in dem Wort Klebstoff. Hier wird einfach der Verbstamm (Kleb-) mit dem Substantiv (Stoff) verbunden.

Auch Adjektive verbindet man ohne Fugenelemente miteinander – wir erinnern uns an die dunkelvioletten Astern und den zartblauen Himmel. Auch wenn ein Substantiv und ein Adjektiv kombiniert werden, braucht es normalerweise kein Fugenelement – egal, ob die Blätter nun purpurrot, feuerrot, blutrot, scharlachrot oder weinrot sind. 

Spaß mit Komposita

In „Ödipussi“ (1988), einem Spielfilm des großartigen Humoristen Loriot, streiten der Vertreter eines Textilhandels und eine Psychologin über eine geeignete Farbe für das Sofa eines depressiven Ehepaars. Während die Psychologin für „ein frisches Gelb, ein Apfelgrün“ plädiert, freut sich der Geschäftsmann über den Wunsch des Ehepaars, das Sofa grau beziehen zu lassen – denn er hat eine Kollektion von 28 Grautönen: mausgrau, staubgrau, aschgrau, steingrau, bleigrau, zementgrau…  

Ob diese graue Vielfalt gegen die Depression helfen wird? Zumindest zeigt sie: Komposita finden wir nicht nur in der Sprache der Bürokratie. Sie können uns auch zu kuriosen Wortschöpfungen inspirieren. Probiert es selbst aus: Kreiert bei eurem nächsten Spaziergang im Park Komposita für eure Umgebung. Ich jedenfalls gehe jetzt erst einmal das sonnengelbe Laub bewundern, das sich in den kristallklaren Teichen im Volkspark Rehberge spiegelt. Okay, die Teiche sind eigentlich schlammbraun – aber schlammbraun ist auch ein Kompositum.

Deutsch lernen mit Vielfalt

Ich bin sicher: Im Volkspark Rehberge, der ja selbst aus zwei Komposita besteht, werde ich auf Kombinationsmöglichkeiten aller Art treffen – manchmal treffe ich dort sogar einen rauflustigen (Verb + Adjektiv) Waschbären (Verb + Substativ), der die moosgrünen (Substantiv + Adjektiv) Mülleimer (Substantiv + Substantiv) inspiziert – besser, als wenn er die blassblauen (Adjektiv + Eier) des Rotkehlchens (Adjektiv + Substantiv) stiehlt…

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